Freitag, 15. Juli 2016

Auf Zur Europäischen Republik?

In Maybrit Illner's Sendung am 14. Juli wurde das Thema "Planlos nach dem Brexit - wie weiter in Europa?" diskutiert. Unter den Diskussionsteilnehmern war auch Frau Prof. Ulrike Guérot, ihres Zeichens Leiterin des Departments für Europapolitik und Demokratieforschung an der Donau-Universität Krems.

Guérot gab sich als leidenschaftliche Gegnerin von nationalstaatlichem Denken (und Nationalstaaten!) in der EU. Ihre Kernaussage: "Es gibt heute keine 'Franzosen', keine 'Deutschen', etc. mehr!" Ziel müsse es sein, eine europäische Republik zu gründen, wo alle Europäer vor dem gleichen Recht gleich sind. Nationalstaatliches Denken muß durch transnationales, regionales Denken ersetzt werden. In der Diskussionsrunde erntete Guérot keine Zustimmung, vom Publikum hingegen Applaus.

Ich habe auf Guérot's Ausführungen mit angehängtem Schreiben reagiert.


Sehr geehrte Frau Prof. Guérot,

einerseits war ich sehr beeindruckt, wie leidenschaftlich Sie sich bei Maybrit Illner für eine EU ohne nationalstaatliches Denken (keine Nationalstaaten mehr, sondern nur Regionen) begeistern konnten. Wenn Sie sich nicht ohnehin schon für DIEM 2025 von Yanis Varoufakis engagieren, wäre das sicherlich ein interessantes Engagement für Sie. Varoufakis’ Ziele sind Ihren Äußerungen bei der TV Diskussion sehr ähnlich.

Andererseits stellen sich für mich ein paar einfache Fragen: Wieviele Mannschaften würde Ihre europäische Republik ohne Nationalstaaten zu den olympischen Spielen schicken? Wieviele Mannschaften würde dieses Europa zur den Fußballweltmeisterschaften schicken? Gäbe es dann noch Fußball-Europameisterschaften? Und - last but not least - wieviele Mitglieder hätte die UNO aus dieser europäischen Republik? Wenn man die europäische Republik ernst nimmt, dann müsste die Antwort auf diese Fragen (und auf ähnliche andere) „1“ sein.

Ich meine, dass Sie die 3 Einwände gegen eine Art „Vereinigte Staaten (bzw. Regionen) von Europa“ von Prof. Ralf Dahrendorf nicht ausreichend gewürdigt haben:

1) Es gibt keinerlei Beispiele für wirksame demokratische Institutionen außerhalb des Nationalstaates.
2) Nur der Nationalstaat kann letztendlich verzweifelten Globalisierungsverlierern den Halt inmitten von unruhigen Emotionen geben (siehe UK).
3) Das Projekt Europa könnte sich auf den Irrweg des Anti-Amerikanismus’ begeben.

À propos Amerika. Wenn man die Gründerzeit der USA mit der Entwicklung der europäischen Vereinigung vergleicht, dann kann man nur sagen, dass die letzten 50-60 Jahre der europäischen Integration wesentlich glatter verliefen als die ersten Jahrzehnte der USA. Die USA waren in ihren ersten Jahren mehrmals an einem Bürgerkrieg nur ganz knapp vorbeigeschrammt und es war letztendlich ein richtiger Bürgerkrieg, der zur Einheit führte.

Könnte man daraus schließen, dass heute die Chancen für eine europäische Republik mit einer zentralen Regierung besser stehen als damals für die USA? Immerhin waren damals die kulturellen Unterschiede zwischen den puritanischen Neuengländern und den sklavenbesitzenden Landherren aus dem Süden wahrscheinlich größer als heute zwischen Deutschland und Griechenland. Das Kapital und die Produktivität waren im Norden, die „Nichtstuer“, die auf Pump ihren Wohlstand genossen, waren im Süden. 

Theoretisch könnte man zu diesem Schluß kommen. Im soziologischen Labor müsste man meinen, dass, wenn es die Amerikaner damals geschafft haben, die Europäer es heute allemal schaffen müssten.

Mein Eindruck war, dass Ihr Drang, Ihre theoretische Meinung zu verkünden, so stark war, dass Sie den praktischen Erfahrungen eines Elder Statesman wie Edmund Stoiber gar nicht folgen konnten und/oder wollten. Oder haben Sie gehört, wie Herr Stoiber auf „Jahrhunderte von Geschichte“ verwiesen hat? 

Ich halte eine von Europas größten Stärken (und dies im Gegensatz zu den USA) seine Vielfalt. Eine vielschichtige Vielfalt, u. a. auch eine Vielfalt an Nationalgefühlen und Nationalstaaten. Wer diese große Stärke schwächen möchte, muß m. E. aus seinem/ihrem Elfenbeinturm herausgeholt werden.

Die berühmte „Subsidiarität“ war kein Modeausdruck. Im Gegenteil, ohne eine kluge Subsidiarität wird Europa nie gemeinsam funktionieren können. Die Schweiz ist ein Musterbeispiel der erfolgreich gelebten Subsidiarität. Ich glaube, dass sich die meisten Europäer dafür begeistern können, dass eine strenge EU Institution über die Einhaltung des Kartellrechtes in allen Mitgliedstaaten wacht. Ich glaube allerdings nicht, dass viele Europäer verstehen, warum 70% (oder mehr) ihrer Gesetze außerhalb des eigenen Landes gemacht werden, die EU jedoch nicht in der Lage ist, ihre Außengrenzen verantwortungsvoll zu schützen, mit einer außenpolitischen Stimme zu sprechen oder eine einheitliche Verteidigungspolitik zu haben.

Die berühmten „4 Freiheiten der EU“ sind wohl im Rausche der Gefühle entstanden, ein rationaler Geist hätte wahrscheinlich sorgsamer gehandelt. Griechenland ist buchstäblich kaputt gegangen, weil es für die Freiheiten des Güter-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehrs noch nicht gewappnet war. Aktuell ist es die Freiheit des Personenverkehrs, über die man durchaus nachdenken sollte. 

Obige „4 Freiheiten“ können nur am Ende und nicht am Anfang einer europäischen Integration stehen und sie müssen schrittweise und bedächtig eingeführt werden. Das Vereinigte Königreich ist mit der Freiheit des Personenverkehrs ohne Übergangsfristen vorgeprescht und heute kann man das Ergebnis beobachten.

Freundliche Grüße

Montag, 4. Juli 2016

EU Political Elites Are Seriously Flawed. But British Elites???

Both, Boris Johnson and Nigel Farage, have declared June 23, 2016 as Great Britain's Independence Day. One wonders how all those countries which have fought for independence FROM Great Britain in the last few hundred years have felt about that.

To only suggest similarities between July 4, 1776 and June 23, 2016 (other than having the same last digit in the number for the year) is a sham. First of all, Great Britain voted to become independent from a union which it had voluntarily joined only a few decades ago. The 13 American colonies, on the other hand, were loyal to nation from which they had emerged until that nation began treating them like subordinates.

The WSJ commentator Peggy Noonan recently wrote an article titled "A World in crisis, and no genius in sight". In it, she argues that there are times in history, typically times of crisis, where a group of leaders develop hitherto unknown gifts; where they become historic figures. Examples: Jobs, Gates, Ellison, Brin, Page; or: FDR, Churchill, de Gaulle; or: Reagan, Thatcher, Havel, Walesa; etc. etc.

The American Independence Day was the product of such a genius cluster. The names of George Washington, Thomas Jefferson, John Adams, Alexander Hamilton, Benjamin Franklin and James Madison influence political thinking throughout the world through this date.

And the British genius cluster? David Cameron, Boris Johnson, Michael Gove, Nigel Farage or Jeremy Corbyn, perhaps? A cluster it definitely is but it seems more like an egomaniac cluster.

I am a fierce critic of the EU elites who behave like self-appointed elites who, with great self-gratulation, pick up their Nobel Prize and who have lost touch with reality. But compared with EU elites, what we have seen from Great Britain of late simply defies description!

Samstag, 4. Juni 2016

My Memory Of Muhammad Ali

Those born after about 1950 probably don't remember the time when there was no Muhammad Ali (yet), only a Cassius Clay Jr. The first time I came across Cassius Clay was in the early 1960s when I saw a photo of him in a magazine. The photo showed a cocky young black, elegantly dressed in a morning suit with bowler hat and umbrella in hand on a sidewalk in NYC. The article confirmed the cockiness of the young man. One could easily imagine how an opponent, when looking at the photo, might think "I'll wipe that cocky look off your face!" So I was waiting for the day when some other boxer would wipe that cocky look of Cassius Clay's face.

This was going to happen in late February 1964, when Cassius Clay fought Sonny Liston for the first time. There was just no imaginable way how Clay (or anyone else) could escape the brutal fists of that bear of a man. There was no TV broadcast at the time in Austria, only radio and the fight was in the early hours of February 26. I could not stay up because I had a big exam at school the next day but no big loss because Cassius Clay was going the get the beating of his life, anyway.

There are certain events where one never forgets how one was informed about them. I still remember how I learned about JFK's death back in 1963. And I still remember how my father woke me up in the morning of February 26 by calling "Clay won!" And the rest is history.

I once had the opportunity to be close-up with Muhammad Ali. It must have been around 1970. Ali was making the rounds to American universities to give speeches. There was a student grill at the Harvard Business School, "The Galley", which I was running part-time while studying at the College. The big events at "The Galley" were when celebrities visited the Harvard Business School and were shown around campus. Invariably, they would pass through "The Galley" or at least have some coffee prepared there. My biggest event so far had been making coffee for Henry Ford II. I never saw the man but I was later told that he liked my coffee.

And then came Muhammad Ali. He moved around in a cluster of about a dozen people and I have never ever witnessed a situation where one person would physically so much stand out in a group. First, there was the beauty of this human being, the absolute physical perfection. Then there was his expensive light suit which could not have been surpassed in elegance. Finally, there was the charisma which this man radiated. Ali passed through "The Galley" in less than a minute but it seemed like an eternity. I felt thunderstruck afterwards.

I often wondered whether I experienced this sensation because I knew it was Muhammad Ali who walked through "The Galley" or whether he was the unforgettable Muhammad Ali because he could radiate such charisma. But there was one thing which stuck to my mind: even though Ali was smiling left and right, he did not seem relaxed. Instead, he seemed full of nervous energy, full of pressure to be Muhammad Ali.

Finally, in March 1973, I thought I would see Muhammad Ali without cockiness in his face. Ken Norton had just broken his jaw in their first fight and within days Ali appeared on the Johnny Carson Show. When Ali was announced by Carson and came on stage, everyone wondered how he would handle this embarrassing situation. Ali sat down at Carson's desk. There were tense moments of silence. And then Johnny Carson, in his unique style, deadpanned the audience by asking Ali: "What the hell happened to your jaw?" Before Ali could react, the audience broke up in laughter and so did Muhammad Ali and, once again, we were all deprived of witnessing an embarrassed Muhammad Ali.

Montag, 16. November 2015

EU --- Return The Nobel Peace Prize!

In 2012, the European Union (EU) was awarded the Nobel Peace Prize "for over six decades of having contributed to the advancement of peace and reconciliation, democracy and human rights in Europe". It is time that the EU consider giving the Prize back to the Norwegian Nobel Committee.

None of the crises which are currently shaking the EU in its foundations came as an overnight surprise: the Euro-Crisis would have become apparent to anyone watching Eurostat statistics about capital flows during the 2000s; the replacement of strong internal borders with weak external borders (Schengen) would have become apparent to anyone taking a look at the quality of external borders; the radical Islamization of many large cities would have become apparent to anyone driving through those cities; and now - the refugee crisis is not an event of 2015. Instead, it seems like a long time ago that Italy was governed by Silvio Belusconi but already during his time the first pictures about Lampedusa crossed TV screens all over Europe.

Major problems can and will occur all the time. As nice as prevention sounds, not everything can be prevented. However, the issue is whether major problems are recognized in time and whether decisive corrective action is taken. The EU has failed miserably on those counts.

The EU's reckless failure to recognize major problems in time and to take corrective action will, in all likelihood, become "a threat to peace and reconciliation, to democracy and human rights in Europe". In short, the oppositve of what the EU was awared the Nobel Peace Prize for.

In light of the above, returning this Prize to the Norwegian Nobel Committee seems an appropriate action and/or reaction on the part of the EU. Perhaps even an overdue action.

Samstag, 7. November 2015

A Highly Restricted And Top Secret Document On Syria!

President Assad (who is bad) is a nasty guy who got so nasty his people rebelled and the rebels (who are good) started winning (hurrah!).

But then some of the rebels turned a bit nasty and are now called Islamic State (who are definitely bad!) and some continued to support democracy
(who are still good.)

So the Americans (who are good) started bombing Islamic State (who are bad) and giving arms to the Syrian rebels (who are good) so they could fight Assad (who is still bad) which was good.

By the way, there is a breakaway state in the North run by the Kurds who want to fight IS (which is a good thing) but the Turkish authorities think they are bad, so we have to say they are bad whilst secretly thinking they're good and giving them guns to fight IS (which is good) but that is another matter.

Getting back to Syria.

So President Putin (who is bad, because he invaded Crimea & the Ukraine & killed lots of folks including that nice Russian man in London with polonium poisoned sushi)
has decided to back Assad (who is still bad) by attacking IS (who are also bad) (which is sort of a good thing?).

But Putin (still bad) thinks the Syrian rebels (who are good) are also (bad) and so he bombs them too, much to the annoyance of the Americans (who are good) who are busy backing and arming the rebels (who are also good.)

Now Iran (who used to be bad, but now they have agreed not to build any nuclear weapons and bomb Israel and are good) are going to provide ground troops to support Assad (still bad) as are the Russians (bad) who now have ground troops and aircraft in Syria.

So a coalition of Assad (still bad) Putin (extra bad) and the Iranians (good, but in a bad sort of way) are going to attack IS (who are bad) which is a good thing, but also the Syrian rebels (who are good) which is bad.

Now the British (obviously good - except for Mr Corbyn, the newly elected Communist leaning Labour Party leader who is probably bad ) and the Americans (also good) cannot attack Assad (still bad) for fear of upsetting Putin (bad) and Iran (good /bad) and now they have to accept that Assad might not be that bad after all compared to IS (who are super bad).

So Assad (bad) is now probably (good) being better than IS. Since Putin and Iran are also fighting IS that may now make them (good). America (still good) will find it hard to arm a group of rebels being attacked by the Russians for fear of upsetting Mr Putin (now good) and that nice mad Ayatollah in Iran (also good) and so they may be forced to say that the rebels are now (bad) or at the very least abandon them to their fate. This will lead most of them to flee to Turkey and on to Europe or join IS (still the only constantly bad group).

To Sunni Muslims, an attack by Shia Muslims (Assad and Iran) backed by Russians will be seen as something of a Holy War, and the ranks of IS will now be seen by the Sunnis as the only Jihadis fighting in the Holy War and hence many Muslims will now see IS as (good. )(Doh!.).

Sunni Muslims will also see the lack of action by Britain and America in support of their Sunni rebel brothers as something of a betrayal (mmm, might have a point) and hence we will be seen as (bad.)

So now we have America (now bad) and Britain (also bad) providing limited support to Sunni Rebels (bad) many of whom are looking to IS (good/bad) for support against Assad (now good) who, along with Iran (also good) and Putin (also, now, unbelievably, good) are attempting to retake the country Assad used to run before all this started?

(I hope that clears up all that confusion for you!)

Donnerstag, 8. Mai 2014

"Atlas Shrugged" - Ayn Rand

Atlas Shrugged wurde 1957 von Ayn Rand veröffentlicht. Der Titel leitet sich aus der griechischen Mythologie ab, wo der Gigant Atlas die Welt auf seinen Schultern trug und unter der Last litt. Im Buch sind es die Wertschöpfer (konkret: die Industriellen), die in der heutigen Zeit die Last der Wohlstandsschaffung auf ihren Schultern tragen und von den staatlichen Umverteilern permanent mit Steuern/Abgaben bestraft, wenn nicht sogar via gesetzliche Interventionen teilweise enteignet werden. Die These des Buches ist, dass Atlas einfach mit der Schulter zucken („to shrug“) und die Welt fallen lassen sollte. Die Wertschöpfer sollten in Streik gehen, damit die Sozialschmarotzer sehen, wie es ihnen ohne die Wertschöpfer geht.

Vor allem in den USA hat sich ein Mythos um Atlas Shrugged gebildet. Von manchen wird behauptet, dass es nach der Bibel das meist verkaufte Buch ist. Auf jeden Fall gilt es als eines der einflussreichsten politischen Bücher des 20. Jahrhunderts. Viele konservative Amerikaner sehen es als das kapitalistische Äquivalent zum Kommunistischen Manifest von Marx & Engels und haben das Buch in Kultstatus erhoben. Seit der Finanzkrise sind die Verkaufszahlen des Buches wieder rasant angestiegen.

Der österreichische Nationalökonom Ludwig von Mises schrieb der Autorin kurz nach Veröffentlichung des Buches folgendes: „Atlas Shrugged ist mehr als nur ein Roman. Es ist auch (oder sollte ich vielleicht sagen, es ist vor allem?) eine überzeugende Analyse jener Übel, die unsere Gesellschaften plagen; eine fundierte Absage der Ideologie unsere selbsternannten ‚Intellektuellen‘ und eine schonungslose Entlarvung der Unaufrichtigkeit der Politik unserer Regierungen und politischen Parteien. Sie haben den Mut bewiesen, den Menschen das zu sagen, was ihnen kein Politiker sagen würde, nämlich: ‚Ihr seid minderwertig; jede Verbesserung Eures Lebensstandards, die Ihr für selbstverständlich erachtet, schuldet Ihr jenen, die tüchtiger sind als Ihr!‘“ (es überrascht nicht, dass Atlas Shrugged von Intellektuellen, auch von Intellektuellen des konservativen Lagers, abgelehnt bzw. ‚vernichtet‘ wurde und nach wie vor wird).

Der Grundbaustein der Autorin Ayn Rand, auf dem alles andere aufbaut, ist der Verstand des Menschen; die Fähigkeit des Menschen, rational zu denken („reason“). Im Reich des Verstandes gibt es keine wirklichen, sondern bestenfalls wahrgenommene Widersprüche. Dort, wo Widersprüche wahrgenommen werden, liegt die Ursache bei fehlerhaften Prämissen, die es mit dem Verstand zu überprüfen gilt. Check your premises! ist der Wahlspruch des Buches. An der Einhaltung dieses Wahlspruches muss auch das Buch gemessen werden.

Darüber hinaus ist im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit der Autorin auch die Frage, in wieweit sie selbst in ihrem persönlichen Leben nach der von ihr leidenschaftlich vertretenen Philosophie lebte, von überragender Bedeutung. Einem Alkoholiker ist es gestattet, mit einem Bier in der Hand andere vor dem Alkoholkonsum zu warnen. Immerhin kann er andere glaubhaft davor warnen, so zu werden wie er. Ein fanatischer anti-Alkoholiker hingegen, der den Alkoholkonsum verteufelt,  darf niemals mit einem Bier in der Hand ertappt werden. Ein solcher Faux-pas wäre weder rational noch moralisch vertretbar. Schon gar nicht bei einem Philosophen bzw. ‚Prediger‘ einer neuen Moralität. Dieser muss die von ihm selbst postulierten Maßstäbe einer neuen Moral beispielhaft vorleben. Der von Ayn Rand entwickelte Objektivismus erlaubt keinen Unterschied zwischen Theorie und Praxis; zwischen den Überzeugungen eines Menschen und seinen Handlungen.

Laut Ayn Rand ist es der Verstand, der den Menschen dazu bringen muss, sich von herkömmlichen (falschen bzw. zu verurteilenden) Moralvorstellungen zu lösen und zu erkennen, dass es nicht das öffentliche  bzw. gemeinschaftliche Interesse, sondern nur das Eigeninteresse ist, das dem Menschen den pursuit of happiness ermöglicht. Der Einzelne darf nicht erwarten, dass andere auf einen Teil ihres Lebens verzichten, um ihn glücklich zu machen. Er darf auch nicht auf einen Teil seines Lebens verzichten, um andere glücklich zu machen. Sich selbst glücklich zu machen, ist die größte Verantwortung des Menschen sich selbst gegenüber.  Herkömmliche Moralvorstellungen, so Ayn Rand, sehen es als menschliche Pflicht, anderen zu dienen; möglicherweise sich sogar im Zuge dessen für andere aufzuopfern. Für Ayn Rand gibt es dafür keine rationale Erklärung bzw. Rechtfertigung.

Schon Adam Smith hat den rational self-interest als Antrieb der Wertschöpfung erkannt. Das ist für Ayn Rand nicht deutlich genug – sie pocht auf Egoismus pur. Nicht Gefühle bestimmen zwischenmenschliche Beziehungen, sondern rationale Überzeugungen. Man liebt seinen Partner, weil man rational davon überzeugt ist, dass er es verdient, geliebt zu werden. Nur aus diesem gleichen Grund darf man erwarten, von seinem Partner geliebt zu werden. Das Selbstwertgefühl bedeutet, dass man sich wert fühlt, geliebt zu werden. Hat man dieses Gefühl nicht (bzw. hat man es sich nicht auf rationale Weise erarbeitet), dann verdient man nicht, geliebt zu werden. Würde man trotzdem Liebe erwarten, dann würde das von anderen verlangen, dass sie unverdiente Liebe schenken. Altruismus statt Egoismus. Selbstverzicht statt Eigeninteresse (“Self-sacrifice is the precept that man needs to serve others, in order to justify his existence. That his moral duty is to serve others. That is what most people believe today”).

Daraus leitet sich Ayn Rand’s philosophisches Gelübde ab: “I swear by my life and my love of it that I will never live for the sake of another man, nor ask another man to live for the sake of mine.” Eine doppelte Verneinung als Basis des pursuit of happiness? „Sag ‚nein‘ zum Leben“ statt „Sag ‚ja‘ zum Leben“? Check your premises, Ms. Rand! Sind es Verneinungen, die zum Glück führen oder Bejahungen? Aus dem Buch muss man schließen, dass Verneinungen eher zu Selbstquälerei führen. Die Helden des Buches kämpfen über weite Strecken mit sich selbst. Sie quälen sich bei ihrem pursuit of happiness. In Wirklichkeit kommt happiness im Buch fast nie vor.

Was ist die Quelle von Ayn Rand’s Philosophie? „ My own mind, with the sole acknowledgement of a debt to Aristotle, who is the only philosopher that ever influenced me. I devised the rest of my philosophy myself”. Check your premises, Ms. Rand! Friedrich Nietzsche hat in seiner Generalattacke auf das Christentum den Begriff der “Umkehrung aller Werte” geprägt. Es war das Christentum, so Nietzsche, das dem Menschen die schlimmsten aller Krankheiten beschert hat – das schlechte Gewissen; die Verantwortung für die Erbsünde; die zwangshafte Selbstaufopferung und altruistische Nächstenliebe; die Selbstkreuzigung als Tilgung einer Schuld von unbeteiligten Dritten (die diese Tilgung gar nicht verlangt hatten); etc. Laut Nietzsche hat das Christentum die starken Germanen nicht im harten Kampf erobert, sondern dadurch, dass es sie psychisch krank gemacht hat. Ayn Rand war das nicht bekannt? Natürlich war ihr Nietzsche bestens bekannt, sonst hätte sie ihn nicht ablehnen können. Aber trotzdem war Ayn Rand von Nietzsche nicht beeinflusst? Check your premise, Ms. Rand!

Das Gebot des rationalen Denkens als Voraussetzung für den „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ ist spätestens seit Immanuel Kant bestens bekannt. Unmündigkeit ist, so Kant, „das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen“. Ayn Rand bezeichnete Kant als ‚Monster‘, weil sie ihm die Absicht unterstellte, den rationalen Verstand des Menschen töten zu wollen. Check your premise, Ms. Rand! “My philosophy, in essence, is the concept of man as a heroic being, with his own happiness as the moral purpose of his life, with productive achievement as his noblest activity, and reason as his only absolute”, schreibt Ayn Rand. Wo genau unterscheidet sie sich da von Kant?

Die knapp 1.200 Seiten des Buches haben mich aufgewühlt und mich veranlasst, umfangreiche Recherchen über Ayn Rand und ihre Philosophie zu machen. Ich verspürte gewissermaßen einen Ayn-Rand-Kult und fühlte mich teilweise sogar darin verfangen. Innere Intuitionen wurden getroffen und Emotionen wurden geweckt. Wäre ein John-Galt-Express mit leidenschaftlichen Objektivisten vorbeigefahren, wäre ich vielleicht spontan aufgesprungen. Dann erinnerte mich jedoch mein Verstand an den Wahlspruch Check your premises!

Das Buch handelt vom Konflikt  zwischen den Guten (den Wertschöpfern, den ‚job creators‘) und den Bösen (den staatlichen Umverteilern, den Schmarotzern; teilweise sogar den Gutmenschen) in der Gesellschaft. Die Wertschöpfer gehen in Streik und die Schmarotzer müssen erfahren, wie schlecht es ihnen ohne die immer verteufelten Wertschöpfer geht. Hank Rearden, Dagny Taggart & Co. sind die heroischen (wenngleich egoistischen) Vertreter der Wertschöpfer in nahezu übermenschlicher Perfektion. Wesley Mouch, Dr. Ferris & Co. sind die widerwärtigen Vertreter der Schmarotzer in geradezu tollpatschiger Form. Check your premises! Entsprechen Rearden & Co. den Wertschöpfern der heutigen Zeit? Sind Mouch & Co. repräsentativ für die heutigen Schmarotzer?

Auf der Suche nach einem aktuellen Beispiel der Wertschöpfer im Sinne von Ayn Rand bin ich bei Steve Jobs gelandet. Der hervorragenden Jobs-Biographie von Walter Isaacson kann man entnehmen, dass Jobs ein grenzenloser Egoist ohne jegliche Empathie war. Ein Mensch, der kompromisslos seine eigenen egoistischen Prinzipien verfolgte und dies auch von anderen einforderte; für den jedwede Form des Altruismus, des Mitgefühls für andere  fremd war; für den es nur ein Ziel gab – die Perfektion seiner Produkte (der Multi-Milliardär Jobs engagierte die teuersten Anwälte, um gegen ein Gerichtsurteil, für seine uneheliche Tochter 700 Dollar monatlich Unterhalt zu zahlen, anzukämpfen. Begründung: das Kind in die Welt zu setzen, war nicht seine Entscheidung gewesen. Im Gegenteil: es geschah sogar ohne sein Wissen. Ergo: er sei dafür nicht verantwortlich). Kurz: nach allen gängigen Moralvorstellungen war Steve Jobs ein widerwärtiger Menschentyp.

Und trotzdem: wäre Steve Jobs in jugendlichem Alter in Streik gegangen und/oder hätte er sich in eine buddhistische Kommune zurückgezogen, statt Apple zu gründen, dann hätten Millionen von Menschen nicht erleben können, was es bedeutet, ‚the power to be at your best‘ zu haben. Millionen von Menschen hätten nicht erfahren können, was ‚think different‘ bedeutet und zu welchen Hochleistungen es anspornen kann. Die Welt wäre ohne Steve Jobs eine ärmere gewesen. Ist das ein Beweis für die Gültigkeit von Ayn Rand’s These, dass egoistisches Handeln seitens der Wertschöpfer Gutes für die Menschheit bringt?

Ich meine nein. Wir wissen, wie viel Steve Jobs der Gesellschaft geben konnte, obwohl er nach allen gängigen Moralvorstellungen ein widerwärtiger Menschentyp war. Wir wissen jedoch nicht, wie viel mehr er hätte geben können, wenn er ein anderer Menschentyp gewesen wäre.

Ayn Rand vermittelt den Wertschöpfern à la Rearden & Co. die Bestätigung ihrer Opferrolle. Sie werden von undankbaren Parasiten ausgenützt und von begehrenden Regierungen unterdrückt. Check your premises, Ms. Rand! Wer sind in der heutigen Zeit die Wertschöpfer? In den USA sind es vor allem die oft zitierten  „top 1%“, die sich von Ayn Rand angesprochen bzw. bestätigt fühlen. Sind es Rearden & Co., die die diese „top 1%“ ausmachen? Nein! In diesen „top 1%“ sind Rearden & Co. eher die Ausnahme. Stattdessen sind es die Genies der Finanzintermediation, die CEOs von großen Kapitalgesellschaften und die Erben großer Vermögen, die das Gros der „top 1%“ ausmachen. Das sind die wahren Parasiten, die nur deshalb zu den „top 1%“ gehören, weil sie die Wertschöpfung anderer ausnützen und die Heerscharen von Lobbyisten beschäftigen, damit ihr Parasitendasein nicht gefährdet wird. Hank Rearden war besessen davon, den besten Stahl zu produzieren. Detto für Steve Jobs, dessen einziges Ziel es war, die schönsten elektronischen Produkte zu produzieren. Der Großteil der „top 1%“ ist jedoch besessen davon, die höchsten Renditen zu erzielen unabhängig davon, um welches Grundgeschäft in der Realwirtschaft es sich handelt. Sie würden sogar das Grundgeschäft ruinieren, wenn es der Rendite hilft.

Jene wenigen unter den „top 1%“, die tatsächlich noch so agieren wie ein Hank Rearden mit seinem Stahl; wie eine Dagny Taggart, die für ihre Geschäftsidee persönlich in die Haftung ging; jene, die tatsächlich an realer Wertschöpfung interessiert sind; wie agieren die? Wenn man Warren Buffett als Beispiel nimmt, dann kritisiert dieser, dass sein tatsächlicher, persönlicher Einkommenssteuersatz unter der Hälfte jenes seiner Sekretärin liegt. Wenn man Bill Gates als Beispiel nimmt, dann bringt dieser (wie auch Buffett) einen Großteil seines Vermögens in eine wohltätige Stiftung ein.

Mitt Romney hatte als Präsidentschaftskandidat 47% der Amerikaner Parasiten genannt, die von Sozialtransfers leben und deshalb Obama wählen. Er selbst zählte sich zu den Wertschöpfern à la Ayn Rand und prahlte, mit seiner Bain & Co. große Werte geschaffen und damit sein Vermögen aufgebaut zu haben, das er nun unter Ausnützung sämtlicher legaler Steueroasen bestens veranlagt. Ein Unternehmen wie Bain & Co. schafft keine realen Werte! Es verdient sein Geld damit, dass es eine in Schwierigkeiten geratene Rearden Metal billig kauft und einem anderen, der den Wert von Rearden Metal erkennt und der über die finanziellen Ressourcen verfügt, teuer weiterverkauft. Die Wertschöpfung von Rearden Metal verändert sich nicht; nur deren Nutznießer. Hank Rearden würde behaupten, dass Bain & Co. ihn bestohlen hat. Ellis Wyatt hätte seine Firma niedergebrannt, bevor Bain & Co. sie kaufen könnte.

Paul Ryan, Romney’s Kandidat zum Vize Präsidenten, deklarierte sich als Jünger von Ayn Rand. “I grew up reading Ayn Rand and it taught me quite a bit about who I am and what my value systems are, and what my beliefs are. It’s inspired me so much that it’s required reading in my office for all my interns and my staff”, so der ursprüngliche Ryan. Weiter: “The reason I got involved in public service, by and  large, if I had to credit one thinker, one person, it would be Ayn Rand”. Und: “I think Ayn Rand did the best job of anybody to build a moral case of capitalism, and that morality of capitalism is under assault”. Als Ryan Vize-Präsidentschaftskandidat wurde, hatte er eine plötzliche Erleuchtung: „I reject her philosophy. It’s an atheist philosophy. It reduces human interactions down to mere contracts and it is antithetical to my worldview. If somebody is going to try to paste a person’s view on epistemology to me, then give me Thomas Aquinas”. Wieder eine Umkehrung aller Werte? Diesmal von Ayn Rand zu Thomas von Aquin?

Viele konservative Republikaner sehen heute in Ayn Rand die Antwort auf die Probleme unserer Zeit. Sie brüllen lautstark „Ayn Rand was right!“ und verfechten gleichzeitig die These, dass Gott in der Tat die Erde in 6 Tagen erschaffen hat. Check Ayn Rand’s premises, dear conservative Republicans!

Ayn Rand lässt ihren Helden Ragnar Danneskjöld als Piraten auftreten, der staatliches Vermögen raubt, um es den vorher beraubten Wertschöpfern zurückzugeben. Danneskjöld’s größter Feind ist Robin Hood, der die Reichen beraubte, um es den ‚unwerten‘ Armen zu geben, die das Geld nicht verdient haben. Leider erkennt Danneskjöld nicht, dass er selbst ein Robin Hood ist; nur eben im umgekehrten Sinn. Beide wollen Gerechtigkeit, aber Gerechtigkeit ist auch eine Frage der Wahrnehmung und des Standpunktes; sie kann nicht objektiv und rational bestimmt werden. Haben die Juden Jesus gekreuzigt oder hat Jesus seine Kreuzigung provoziert? Was ist die Wahrheit? Pontius Pilatus hat die richtige Antwort gegeben: Was ist schon Wahrheit?

Es steht außer Frage, dass wir in einer Zeit leben, wo in vielen Wohlfahrtsstaaten die wirtschaftlichen Leistungsträger der Gesellschaft über Gebühr von staatlichen Umverteilern in Anspruch genommen werden. Vereinzelt hört man schon Aufrufe zu einem Steuerstreik seitens dieser Leistungsträger. Ich meine jedoch, dass diese Leistungsträger nicht jene Wertschöpfer sind, von denen Ayn Rand spricht und die sich von Ayn Rand angesprochen fühlen. Es sind nicht die „top 1%“, sondern vielmehr sind es die Mittelständler, die das Rückgrat vieler Volkswirtschaften ausmachen. Erfolgreiche Mittelständler wissen, dass für den Erfolg nicht nur rationales Management, sondern auch emotionale Menschenführung unverzichtbar ist. Ich würde sogar behaupten, dass erfolgreiche Mittelständler der beste Beweis sind, dass das ganze Unternehmen mehr ist als die Summe egoistischer Leistungen von Individuen.

Eine Frage steht vom Beginn des Buches im Raum: Who is John Galt? Für mich stellte sich relativ bald die Frage ein: Who is Ayn Rand?

Ayn Rand, eine gebürtige Russin, wanderte im Alter von 21 Jahren in die USA aus. Ihre Eltern verkauften Familienjuwelen, um dies zu finanzieren. Verwandtschaft in Chicago ermöglichte es ihr, nach Kalifornien, nach Hollywood zu kommen. Dort heiratete sie Frank O’Connor, eine ‚geduldige Seele‘, einen Gentleman Farmer und Künstler, der in den ersten Jahren ihrer Ehe für den finanziellen Unterhalt sorgte. O’Connor, der in Kalifornien verwurzelt war, musste später diesen Wohnsitz aufgeben, weil Ayn Rand nach New York wollte, um sich dort künstlerisch besser verwirklichen zu können. Außerdem war ihr 25 Jahre jüngerer ‚philosophischer Jünger‘ (und späterer Liebhaber) Nathaniel Branden nach New York übersiedelt und sie wollte in seiner Nähe bleiben. O’Connor’s wiederholt geäußerte Sehnsucht, für den Rest seines Lebens auf die kalifornische Ranch zurückzukehren, wurde von Ayn Rand mit den Worten “He loves New York. He hated California“ abgetan. “I swear by my life and my love of it that I will never … ask another man to live for the sake of mine”? Check your premise, Ms. Rand!

1959, zwei Jahre nach Erscheinen von Atlas Shrugged, gab Ayn Rand im Alter von 54 Jahren Mike Wallace ihr berühmtes TV Interview, bei dem sie u. a. sagte „I am the most creative thinker alive“. Zu beobachten war eine Dame, die mit der Souveränität eines geläuterten Philosophen à la Aristoteles nichts gemein hatte. Eher ein Mensch, der unruhig mit sich selbst kämpft und Schwierigkeiten hat, seinem Gegenüber in die Augen zu schauen. Eine Philosophin, deren Philosophie eher als Ergebnis von Qualen statt von Erleuchtung erscheint. Eine Frau, die in Atlas Shrugged seitenlang (und vollkommen unnötigerweise) über die weibliche sexuelle Erfüllung referierte und bei deren Beobachtung man durchaus zweifeln konnte, ob sie eine solche Erfüllung schon einmal erlebt hat.

Etwas später trat Ayn Rand bei Johnny Carson auf, wo sie ausführlich interviewt wurde. Ich habe sehr, sehr viele Johnny Carson Shows gesehen. Dies war die einzige, bei der nicht gelacht wurde.

Ayn Rand’s Verhältnis mit dem 25 Jahre jüngeren Nathaniel Branden erfuhr mehrere längere Unterbrechungen, wurde jedoch von Branden endgültig beendet, als Ayn Rand schon über 60 war. Branden teilte ihr - durchaus rational - mit, dass der Altersunterschied ein romantisches Verhältnis mit ihr nicht mehr ermöglichte und dass er schon seit langem ein Verhältnis mit einer jungen Studentin hatte. Rand schrieb einen Öffentlichen Brief, in dem sie Branden, einem langjährigen Mitstreiter des Objektivismus und Geschäftspartner von Rand, plötzlich philosophische Inkompetenz und geschäftsschädigendes Verhalten vorwarf. Privat schrieb sie Branden - etwas weniger rational -: “If you have one ounce of morality left in you, an ounce of psychological health—you’ll be impotent for the next twenty years! And if you achieve potency sooner, you’ll know it’s a sign of still worse moral degradation!”

Ayn Rand erkrankte im Alter an Lungenkrebs, dessen Behandlung hohe Kosten verursachen würde. Ayn Rand, die leidenschaftliche Gegnerin von staatlichen Sozialtransfers jeglicher Art, registrierte sich bei der staatlichen Medicare und Social Security, deren Leistungen sie in Anspruch nahm. Allerdings nicht unter ihrem Namen Ayn Rand, sondern als Ann O’Connor, ihrem sonst nie verwendeten ehelichen Namen. Sie hatte vorher wütend gegen beide Programme, die sie als Beispiele des intrusiven Staates beschrieb, protestiert. Ihre spätere Rechtfertigung war: Ärzte sind sehr teuer und kosten mehr, als man mit dem Verkauf von Büchern verdienen kann. Die Arztrechnungen hätten sie finanziell total ruiniert. Sie habe ihr Leben lang Beiträge geleistet und somit Ansprüche erworben. ‚Wohlerworbene Rechte‘ hätten das die von ihr verteufelten Parasiten genannt.

Check your premises, Ms. Rand!

Atlas Shrugged ist, wie schon gesagt, ein aufwühlender, wenn nicht sogar aufputschender und packender Roman. Es gibt hervorragende Dialoge zwischen den Wertschöpfern und den Parasiten. Die besten Antworten auf die Parasiten werden Hank Rearden in den Mund gelegt. Vor Gericht wird Hank Rearden vorgeworfen, dass sein Profit im Kontext des öffentlichen Interesses viel zu hoch ist. Rearden antwortet darauf:  “The public may curtail my profits any time it wishes - by refusing to buy my product. Any other method of curtailing profits is the method of looters - and I recognize it as such”. Thesen der gängigen Moralvorstellungen werden Gegenthesen brutal gegenübergestellt, was zum Nachdenken anregt. Trotzdem wird man nicht überzeugt, dass die gängigen Moralvorstellungen komplett falsch sind.

Das Buch ist wesentlich zu lang für eine Version des ‘Marxismus der Rechten’. Marx & Engels benötigten nur einen Bruchteil der Seiten, um ihr Kommunistisches Manifest darzustellen. John Galt brauchte 3 Stunden, um in seiner Rede seine Überzeugungen darzulegen und man darf zweifeln, ob die Zuhörer am Ende seine Rede wirklich verstanden haben. Ob sie darin etwas Positives erkannten oder das Gegenteil. Mit Sicherheit haben alle Angst verspürt. Es war eine Rede, die an Big Brother von George Orwell erinnert. Steve Jobs hingegen verstand es, bei seiner Commencement Speech an der Stanford University den Absolventen seine Philosophie in 15 Minuten rüberzubringen und anhand der Standing Ovation darf man vermuten, dass seine Rede nicht nur verstanden, sondern begeistert angenommen wurde.

Francisco d’Anconia hält eine langatmige Money Speech, in der er sein Verständnis von der Rolle und Bedeutung des Geldes für die Menschheit darlegt. Fraglich ist, ob irgendjemandem der begeisterten Zuhörer (und Leser!) aufgefallen ist, dass die Rede absolut nicht mit irgendeiner rationalen Geldtheorie vereinbart werden kann. Dies soll nicht bedeuten, dass alle rationalen Geldtheorien stimmen. Im Gegenteil, die Geldtheoretiker von heute, die mächtigen Notenbanker, sind den gutmeinenden Umverteilern von Atlas Shrugged, Wesley Mouch, Dr. Ferris & Co., nicht unähnlich. Sie bestimmen über gigantische Vermögenstransfers von reich zu arm; von Sparern zu Schuldnern. Darauf ist Francisco d’Anconia in seiner Geldromantik nicht eingegangen.

Ayn Rand versteht Atlas Shrugged als Epos im Kampf zwischen Individualismus und Kollektivismus. Individualismus und Kollektivismus sind keine Entweder-Oder, sondern Sowohl-Als-Auch Positionen. Das Kollektiv kann nur dann gut funktionieren, wenn die Individuen optimal eingestellt und frei in ihrer Entfaltung sind. Es gibt keinen materiellen und/oder immateriellen Wert in der ganzen Welt (Werte, die die Natur geschaffen hat, ausgenommen), dessen Ursprung nicht entweder im Hirn oder in den Händen eines Individuums zu finden ist (mit Rücksicht auf Fußballer und Skifahrer füge ich die Füße eines Individuums hinzu…). Gleichzeitig gibt es kein menschliches Individuum, das – wenn ganz alleine auf sich gestellt – in der Welt überleben könnte. Zumindest nach der Geburt braucht es die Unterstützung (den Altruismus) einer Mutter. N. b.: die Thematik zwischen Individuum und Kollektiv ist keine (rein) philosophische Frage. Soziologisches Verhalten ist ein Produkt der Evolution, und die Wechselwirkungen zwischen dem Individuum und der Gesellschaft sind wohl untersucht.

Wer die Debatte Individualismus vs. Kollektivismus führen möchte, ist besser beraten, die „Constitution of Liberty“ oder „The road to serfdom“ zu lesen (beide von Friedrich von Hayek). Dort werden rationale Argumente ins Rennen geführt und nicht 'unendlicher ideologischer Pallawatsch' (William F. Buckley) wie im Falle von Atlas Shrugged.

Kant sagt, dass der Mensch sich rational verhalten sollte, damit er seine happiness finden kann. Ayn Rand behauptet, dass der Mensch rational ist und dass alle jene, die nicht rational sein können, es nicht verdienen, Mensch zu sein. Check your premise, Ms. Rand! Wäre der Mensch ein rationales Wesen, dann gäbe es keine Religionen. Natürlich gibt es viele Menschen, die aufgrund ihres Intellektes, ihrer Begabung, ihrer Prägung, etc. in der Lage sind, rational zu denken und ihr Leben auf rein rationalen Prämissen aufzubauen. Vielleicht werden in Hunderten von Jahren alle Menschen dazu in der Lage sein. Dann werden wir genau verstehen, wie das Universum entstanden ist und welchen Teil wir als Menschen in diesem Universum spielen. Bis es so weit kommt, ist man besser beraten, die Wirklichkeit so zu akzeptieren, wie man sie wahrnimmt und Toleranz anderen entgegenzubringen, die sie anders wahrnehmen. Wer diese Toleranz nicht hat, muss in Kauf nehmen, einmal so verzweifelt zu enden wie Friedrich Nietzsche oder --- Ayn Rand. Es ist nicht vermeidbar, dass eine Philosophie, die nur auf das ‚Selbst‘ unter Ausschluss des ‚Anderen‘ abstellt, ihre Anhänger in Isolation und Einsamkeit enden lässt.

Abschließend eine Ayn-Rand-Einschätzung von Barack Obama, die ich für sehr treffend halte:

“Ayn Rand is one of those things that a lot of us, when we were 17 or 18 and feeling misunderstood, we’d pick up. Then, as we get older, we realize that a world in which we’re only thinking about ourselves and not thinking about anybody else, in which we’re considering the entire project of developing ourselves as more important than our relationships to other people and making sure that everybody else has opportunity – that that’s a pretty narrow vision. It’s not one that, I think, describes what’s best in America.”

Dienstag, 15. April 2014

Mythos Mittelstand

"Der Mittelstand könne materiell in seiner Bedeutung nicht voll ausgewogen werden, sondern er sei viel stärker ausgeprägt durch seine Gesinnung und eine Haltung im gesellschaftswirtschaftlichen und politischen Prozess, sagte Ludwig Erhard 1955 auf einer Arbeitstagung der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft in Bad Godesberg.

Die Handlungsbedingungen für die Wertschöpfung verändern sich, wenn Unternehmen den Kapitalmarkt bedienen müssen. Dort ist das oberste Ziel die Überweisung an einen Shareholder. Die Wertschöpfung ist bei Unternehmen an der Leine des Kapitalmarktes ein Mittel zur Generierung des Shareholder Value. Wenn gar Investoren in Unternehmen einsteigen, an denen sie kein strategisches Interesse haben, sondern ausschließlich am kurzfristigen Cash-Flow für ihren Return on Investment, ob durch Unternehmensteilungen oder Ausschüttungen, interessiert sind, wird das Desinvestment zum Programm für Eigenkapitalverzinsung. Die Handlungsbedingungen des Kapitalmarktes haben das oberste Unternehmensziel verändert. Wenn Wertschöpfung – in industriell produzierenden Unternehmen – noch stattfindet, ist sie Mittel zur Produktion von Cash-Flow für den Kapitalmarkt.

Für den Manager der mittelständischen Wertschöpfung, ob Eigentümer oder Angestellter, ist der Cash-Flow ein Instrument zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit; und nicht zur Sicherung der Ausschüttung an den Investor. Die Unternehmenssteuerung hat daher mittel- und langfristige Instrumente und die Unternehmensleitung stellt sich der regionalen und der Verantwortung für nachhaltige Unternehmensaktivitäten".

Ausschnitte aus diesem Artikel.